Hessisches Puppenmuseum
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Papierkrippen aus der Sammlung Erk Baumann (2. November 1997 bis 22. Februar 1998)


Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.12.1997


Abendländische Folklore im Morgenland

Papierkrippen aus der Sammlung Erk Baumann im Hessischen Puppenmuseum in Hanau

HANAU. Wie ein Flügelaltar überragt das Tafelbild mit den beiden ausgeklappten Seitenbildern den Raum und macht die Zwischenrolle der Weihnachtskrippe als Hausaltar und Spielzeugtheater deutlich. Verehrung und kindlicher Umgang mit einem exotischen Thema liegen dicht beieinander, wie die von Erk Baumann gesammelten und jetzt im Hessischen Puppenmuseum in Hanau ausgestellten Krippenmodelle aus Papier zeigen.

Obwohl die Krippen auf eine detailliert beschriebene Szene festgelegt sind, sind die Vielfalt und der Interpretationsspielraum überraschend. Die Krippe wird romantisierend als Ruine mit steinernen Säulen und Spitzbogenfenstern unter dem offenen Dach, pompös in Form eines Barockbogens, idyllisch als Fachwerkbau mit Ziegeln und Dachgauben oder exotisch mit von Kuppeln und Zwiebeltürmen gekröntem Gemäuer dargestellt. Am realistischsten ist vielleicht die Kreation aus verschlungenen Baumkronen, auch wenn die Eisdekoration darauf eher mitteleuropäischen als orientalischen Klimabedingungen entspricht. Der dargestellte Aufwand vermittelt dabei wohl mehr über den sozialen Status des Käufers als den der Heiligen Familie. Wenn Maria, Josef und das Jesuskind jedenfalls in einem soliden Mauerbau mit Vorbau auf Säulen und romanischem Bogenfries im Giebel residieren, wurde offensichtlich das Elend in der biblischen Erzählung für die Augen eines wohlbehüteten Besitzers abgemildert.

Opulent wirken auch die großen Figurensammlungen mit der ganzen abendländlische Folklore vom ungarischen Flötenspieler über den Bäckerjungen mit Torte und das Gänsemädchen bis zum Brautpaar in Tracht oder einem ähnlichen Aufmarsch in arabischer Aufmachung vom schwarzen Sklaven mit dem Lastpaket über die Dame mit Amphore bis zum Greis mit Ananaskorb. So selbstverständlich wie Palmen oder Zypressen werden auch Fichten dazugestellt, im Hintergrund glitzern sie mit Kugeln zu Weihnachtsbäumchen dekoriert. Die Krippe erscheint in allen Variationen als eine von vielen religiösen Devotionalien, sie steht neben anderen Ausschneidebögen christlicher Prägung wie die Figurensätze vom Abendmahl, von Herodes' Kindstötung oder von Mariens Verkündigung. Sie reichen vom einfachen Stammbilder-Druck über das raffinierte Guckkastenarrangement mit rotierender Engelsschar bis zum handgemalten böhmischen Diorama von 1885 mit einem Gebirge voller biblischer Szenen - mit dem Feuer der Hirten, der Erscheinung der Engel und dem vielköpfigen Gefolge der Heiligen Drei Könige.

Vorläufer der Krippen waren gemalte Darstellungen im 16. Jahrhundert in Italien, die im Jahrhundert darauf durch Aufbauten mit vielen Figuren ersetzt wurden. Doch Papierkrippen blieben stets eine Alternative zu den vollplastischen Modellen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden die Bögen gemalt oder als Kupferstich koloriert, im 19. Jahrhundert setzte sich die Lithographie, im 20. der Vierfarbdruck durch. Trotz des technischen Fortschritts hielten sich in manchen Gegenden handgemalte und handgefertigte Krippen. In den fünfziger Jahren signalisierte religiöser Ernst in holzschnittartigen Drucken oder enthemmter Kitsch in bunten Panoramen voller Engelchen und Schäfchen mit den Weihnachtskalendertürchen die auseinandertreibenden Geschmacksrichtungen. JÜRGEN RICHTER

Die Ausstellung "Papierkrippen aus der Sammlung Erk Baumann im Hessischen Puppenmuseum in Hanau-Wilhelmsbad ist bis zum 22. Februar dienstags bis sonntags von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main


Öffnungszeiten: Di - So, jeweils 10-12 und 14-17 Uhr


Hessisches Puppenmuseum, Parkpromenade 4, 63454 Hanau-Wilhelmsbad, Tel. 06181 / 86212, Fax 06181 / 840076, e-mail: hesspuppenmuseum@aol.com



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